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Wir brauchen keine neuen Dogmen, sondern neue Verkehrskonzepte

Tl;dr

Dass eine nachhaltige Verkehrswende notwendig ist, das bestreitet niemand. Sowohl aus ökologischen, aber auch ökonomischen Gesichtspunkten. Dass diese Verkehrswende ALLE „Verkehsteilnehmer“ betreffen wird steht dabei außer Frage. Und dazu bedarf es neuer Verkehrskonzepte.

Dass diese Verkehrswende jedoch nicht nur allein aus urbaner oder ländlicher Sicht betrachtet und gestaltet werden kann bzw. darf: Das muss erst noch in die Köpfe. Der Menschen selbst, der Politik und auch derer die sich an der Konzeption beteiligen.

Ideologisches (und politisches) Bullshitbingo ist hier genau so wenig hilfreich, wie das kompromisslose Beharren auf der jeweils eigenen Position.

Wir sind hier als Gesellschaft gefragt, diese Verkehrswende gemeinsam so zu gestalten, dass sowohl urbane als auch ländliche Interessen angemessen berücksichtigt werden. Nur so schaffen wir es, dass diese Wende dann nachhaltig sein kann.

Eine (nicht abschließende) Liste an Maßnahmen findet Ihr am Ende des Beitrags. 🙂

Urban vs. Landleben

Vogelzwitschern. Viel grün. Weniger Hektik. Im Einklang mit der Natur.

Es mag sicher noch viele andere Gründe geben, warum  Menschen auf dem „Land“ leben wollen. 70% der Menschen leben bereits heute in Gemeinden und Ortschaften, die weniger als 100.000 Einwohner haben.

Es ist meistens eine freiwillige Entscheidung, ob man nun das pulsierende Stadt- oder das beschauliche Landleben bevorzugt.

Natürlich hat das vermeintliche Idyll auch viele Nachteile, die man in Kauf nehmen muss. Sei es das Angebot an kulturellen Einrichtungen, die Versorgungsinfrastruktur, „weite Wege“ wenn man etwas zu erledigen hat. Doch diejenigen, die auf dem Land leben wollen, nehmen dies natürlich in Kauf.

Es gibt aber eben auch Gründe, warum sich Menschen gegen das Leben in der Stadt entscheiden … müssen. Und dann in das Umland („Speckgürtel“) oder eben direkt auf das Land ausweichen. Denken wir in diesem Zusammenhang nur an Wohnraumknappheit, verbunden mit teilweise unbezahlbare Mieten.

Mobilität vs. Mobilität

An jeder Ecke sehen wir Angebote wie „Car-Sharing“, Fahrräder oder eBikes die man sich via App ausleihen kann. Neuerdings auch die gerade zugelassenen e-Tretroller. Dazu kommen Busse, U-Bahnen, Tram  und S-Bahnen im Minutentakt, die fast keine Ecke der Stadt unerreichbar scheinen lassen. Versorgungseinrichtungen sind für fast jeden in unmittelbarer Nähe und auch beim Besuch von kulturellen Einrichtungen ist man meistens in wenigen Minuten am Ort des Geschehens. Auch der Weg zum innerstädtischen Arbeitsplatz ist in aller Regel ohne eigenen fahrbaren Untersatz erreichbar. Und selbst für eAutos gibt es mittlerweile genügend Ladestationen.

Ein eigenes Auto braucht man nicht zwingend, wenn man in Großstädten wohnt. Die Mobilitätsangebote sind vielfältig, die Infrastruktur gut ausgebaut. „Urbane Mobilität“.
Und so muss es nicht verwundern, wenn sich viele eine im Rahmen der Verkehrswende  „autofreie“ Stadt durchaus vorstellen können. Das eigene Auto verpönt als Zeichen des Ego.
Wenn da nicht die „Landeier“ wären. Die einfach so mit ihrem Auto in die Stadt fahren, Parkplätze benötigen. Die Luft verpesten. Den Verkehr verdichten in dem der Bus dann auch steht.

Entgegen der urbanen Mobilität sieht das auf dem Land dann eben doch etwas anders aus. Hier gibt es nicht die hohe Dichte an alternativen Mobilitätskonzepten. Keine kurzen Wege bis zur nächsten Versorgungseinrichtung. Mal eben zu Fuß ins Kino oder in das Theater ist nicht, weil es schlicht keine Kinos oder Theater mehr gibt. Ganz zu schweigen davon, dass der öffentliche Nahverkehr in den ländlichen Bereichen so ausgedünnt würde, dass es oftmals gar keine Alternative zum fahrbaren Untersatz gibt.
Und immer mehr Menschen sind Pendler, weil die Arbeitsplätze eben auch vorzugsweise in und um Ballungszentren geschaffen werden, und nicht im ländlichen Raum.  (https://www.wiwo.de/erfolg/jobsuche/arbeitsweg-pendler-legen-immer-groessere-distanzen-zurueck/21183886.html)

Die „ländliche Mobilität“ unterliegt eben somit völlig anderen Gesichtspunkten, Anforderungen und Zwängen.

Fahr doch Bahn, ey.

Logisch. Super. Genau so gehts. In der Stadt.

Leider ist der Blick auf die Realitäten eben ein anderer, als ein „innenstadt-verklärter“. Ein urbaner.
Selbst wenn man das als „Landei“ wirklich machen möchte, lässt sich das eben nicht mal so einfach realisieren. Für Viele ist beispielsweise die Bahn das einzige Verkehrsmittel, welches überhaupt in Frage käme um den Weg in die Stadt (oder zum Arbeitsplatz) anzutreten. Denn gerade diese Bahn kämpft an vielen Fronten damit, überhaupt ein konkurrenzfähiges und auch attraktives „Gegenangebot“ zu werden. Egal ob Wetter, marode Schienennetze, zuwenige Lokführer … und die auch daraus resultierende Unpünktlichkeit (von Ausfällen ganz zu schweigen) sind eben kein Argument für einen Umstieg. Mehrmals zu spät am Arbeitsplatz erscheinen kann dann auch ganz schnell den Job kosten. Und bei einem Investitionsrückstau von 57 Mrd. Euro https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/57-milliarden-euro-investitionsstau-bei-der-bahn-16071615.html ist auch nicht davon auszugehen, dass sich dies in absehbarer Zeit ändert.

Hinzu kommt ein weiteres Problem, was bei allen Berechnungen immer wieder zu kurz kommt:

Die langen, und teilweise notwendigen,  Anfahrtswege (teilweise über 1 Stunde pro einfacher Strecke) rauben den betroffenen Menschen auch etwas, was niemand auf der „Uhr“ hat.

Lebenszeit. Und damit auch Lebensqualität.

Egal ob es sich dabei um den Weg zum Arbeitsplatz handelt, oder den abendlichen Besuch einer Kulturveranstaltung. Bei nur einer Stunde Mehraufwand bei der Fahrt zum Arbeitsplatz (a 220 Tage) sind das netto 9,16 Tage, also fast 2 Arbeitswochen, die den „Landeiern“ verloren gehen.

Da sich das „Sparpotenzial“ auf Grund der Preise der jeweiligen Verkehrsverbünde gegenüber einem modernen und sparsamen Fahrzeug auch nicht lohnt (in meinem Einzugsbereich ist der Vorteil den ÖPNV zu nutzen genau 5 Euro), ist auch ein Umstieg nicht lohnenswert. Und 5 Euro Vorteil bedeuten eben auch jeden Tag mindestens eine Stunde weniger für die Familie. Nicht wenige Pendler sind auch zwischen 8-12h Gesamtzeit unterwegs, bevor sie auch nur irgendetwas mit Familie, Kindern oder an Hobbys unternehmen können.

Lauf doch heim …

Und bei all den bisherigen Punkten ist ein weiterer nicht zu vernachlässigen. Wer schon mal versucht hat nach 21 Uhr aus der Stadt auf das Land zu kommen, wird sehr schnell wieder auf das Auto umsteigen. Müssen. Denn bei all den ausgedünnten Verbindungen und Taktplänen steht man dann irgendwo in der Pampa und kommt schlicht nicht mehr heim.  Und wir reden hier nicht von mal 1-2 km. Vielmals sind es dann zwischen 8-12km die man zurücklegen muss, um vom von der Bahn bedienten Bahnhof dann auch wirklich bis nach Hause zu kommen. Mit „die paar Meter kannste laufen“ ist es dann eben nicht getan.

Das sind natürlich alles Probleme, die man bei der urbanen Mobilität schlicht nicht kennt. Die aber dennoch täglich Menschen betreffen, deren Leben eben nicht nur aus Arbeit besteht.

Aber das Klima …

Selbstredend sind die Emissionen aus den Fahrzeugen nichts, was dem Klima wirklich gut tun würde. Vor allem dann nicht, wenn wie in jüngster Vergangenheit, einige Automobilhersteller meinten, die gesetzlichen Grenzwerte mittels „Kreativsoftware“ zu unterlaufen. Und natürlich sind auch die 95% der Standzeiten der Fahrzeuge kein zufriedenstellender Zustand. Ich kenne auch niemanden der diese Punkte ernsthaft in Frage stellen würde.

Doch abseits des nachvollziehbaren Wunsches, der oftmals auch apodiktisch verkündeten Forderung im Namen der Umwelt und der Moral, sind eben gerade auf dem Land weder eine sinnvolle Ladesäuleninfrastruktur vorhanden, noch ist Car-Sharing hier für die gewerblichen Anbieter ein wirtschaftlich sinnvolles Modell.

Und zum Thema Anbindung an den ÖPNV hatte ich ja schon genug geschrieben. Und ganz ehrlich Leute, 37km einfacher Arbeitsweg mit dem Rad sind nun auch nichts, was man nur aus eigener Nichtbetroffenheit anderen mal eben als „ist doch nicht weit“ zumuten sollte.

Hier sind die verkürzten Ansichten allein aus der „urbanen Verkehrswende“ eben nicht sonderlich hilfreich.

Was tun sprach Zeus …

Ganz so ratlos wie seinerzeit Zeus sind wir nun allerdings doch nicht. Denn einige Maßnahmen und Ideen umzusetzen bedarf keiner göttlichen Fügung. Sondern eher dem politischen und gesellschaftlichen Willen. Die nachfolgenden Punkte sind keineswegs abschließend. Sie sollen auszugsweise lediglich einige Ansatzpunkte in unterschiedlichen Dimensionen aufzeigen, wie eine nachhaltige Verkehrswende gelingen kann.

  • politisch
    • Umsteuerung der Bundesmittel zulasten der Straße hin zur Schiene
    • Verlagerung von Fernverkehr auf die Schiene und Wasserwege
    • Bessere Anbindung (Verbindungen UND Takt) des ländlichen Raums an das ÖPNV(Bahn)-Netz
    • Erhöhung der Forschungsmittel zu alternativen Antriebskonzepten
    • Massive Veränderungen bei der Besteuerung des Flugverkehrs
    • Förderung von Home-Office, Herstellung des gesetzlichen Rahmens (u.a. auch zum Schutz der MA)
    • Schaffung der rechtlichen Grundlage für automones Fahren
  • innerstädtisch
    • Ausbau der Radwege
    • Massiver Ausbau der P&R-Angebote
    • komplette Elektrifizierung des Nahverkehrs
    • Fahrscheinfreier Nahverkehr
    • Förderung des Fuß- und Radverkehrs durch örtliche Infrastrukturen und kompakte, gemischte Baustrukturen
    • intelligente Verkehrssteuerungssysteme (smartcity)
    • Organisation von Mikrodepots und stadtnahen Distributionszentren für kurze, effiziente
      und lokal emissionsarme Lieferwege
  • Ländlicher Bereich
    • Schaffung von Co-Working-Areas 
    • Modellvorhaben für autonomes Fahren
    • Förderung des Aufbaus einer Ladeinfrastruktur
    • Erweiterung des Anbindungsnetzes an den ländlichen Raum

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